but first love

Wi(e)der diese Selbstkritik

Kritik ist ein leidiges Thema, finde ich. Kritik üben muss gelernt sein, konstruktive von persönlicher unterscheiden erst recht. Manchmal ist die vorherrschende Meinung: „Wenn du nichts Gutes zu sagen hast, dann sag lieber gar nichts.“ Kritik annehmen will genauso gelernt sein, konstruktive von persönlicher unterscheiden, annehmen oder nicht… Ihr wisst schon.
Selbstkritik allerdings – so ist mein Gefühl – fällt den meisten ziemlich leicht. Vor allem auch den meisten hochsensiblen Menschen. Dabei ist Kritik nicht gleich Kritik.

Es gibt die Selbstkritik, mit der ich mich selbst hinterfrage, mich ansporne im Sinne von: Das kannst du besser. Lass das bleiben, das tut dir nicht gut. Sei doch mal ehrlich mit dir selbst.
Und es gibt diese andere, fast schon zerstörerische Form der Selbstkritik: Das wird nie etwas. Du kannst das einfach nicht. Du hast schon wieder versagt. Eine Kritik der Extreme – alles oder nichts. Ich mache ständig, immer, alles falsch.

Woher kommt das? Und warum kann ich das immer wieder bei mir und bei anderen hochsensiblen Menschen beobachten? Ich denke diese Form der Selbstkritik ist häufig ein Ausdruck von Unsicherheit oder Angst, zumindest bei mir. Jemand schaut mich kritisch an – so nehme ich es wahr. Vielleicht, weil er meinen Kleidungsstil komisch findet. Vielleicht aber auch, weil sein gedankenverlorener Gesichtsausdruck einfach so aussieht. Trotzdem springt bei mir im Kopf ein Gedankenkarussell an und ich beginne fieberhaft mit der Suche nach dem „Fehler“. Oder jemand kritisiert eine Formulierung in einem Text und ich stelle direkt meine ganze Schreiberei infrage. Kennst du das?

Warum ist das so? Hochsensibel bedeutet in den meisten Fällen intensiv fühlen. Intensives Fühlen heißt oft bzw. immer wieder mal abdriften in emotionale Extremsituationen, nicht selten aufgrund von Überreizung des Nervensystems durch Müdigkeit, Hunger oder eben zu viele aufgenommene, unverarbeitete Reize.
Ein befreundetes Ehepaar erzählte uns von ihrer Tochter im Vorschulalter mit Hang zur „Drama-Queen“. Das Mädchen hat immer wieder mal in scheinbar nebensächlichen Situationen starke Gefühlsausbrüche, echte, ernst gemeinte Gefühle.
Nun gibt es per se keine falschen Gefühle. Wenn das Kind so fühlt, dann fühlt es so. Entscheidend ist vor allem der Umgang mit unseren Gefühlen und der wird im Laufe des Lebens erlernt. Natürlich fühlt auch ein hochsensibles Kind schon intensiv und muss lernen, diese Gefühlswelt einzuordnen. Gelingt es nicht oder nur unzureichend, die teils widersprüchlichen Gefühle ins richtige Verhältnis zu setzen, wird ein Mensch sich selbst nicht sicher. Das kann zu dem von vielen hochsensiblen Personen geäußerten Eindruck führen, falsch zu sein. Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin anders als die anderen.
Dann fange ich an, mich mit dem vermeintlich richtigen Teil der Gesellschaft zu vergleichen und komme unweigerlich zu dem Schluss, dass ich falsch bin. Der ideale Nährboden für übertriebene Selbstkritik. Dabei gibt es gar kein richtig und falsch.

Was heißt das jetzt? Mehr Selbstliebe lernen heißt weniger Selbstkritik üben. Klingt herausfordernd? Ist es auch. Zum Thema Selbstliebe gibt es meiner Meinung nach drei wichtige Punkte:

  1. Selbstliebe ist nicht gleich Egoismus
    Selbstliebe einüben bedeutet nicht, egoistisch zu sein. Für sich selbst sorgen, auch mal Nein sagen oder unangebrachte Kritik zurückweisen sind Form von Respekt gegenüber mir selbst. Ich bin es mir selbst wert. Ich vertraue auf meine eigene Wahrnehmung.
  2. Selbstliebe ist nicht gleich Selbstverliebtheit
    Selbstliebe einüben bedeutet nicht, mich selbst am allerbesten zu finden. Es bedeutet nicht, alle Kritik von mir zu weisen weil ich so, wie ich bin perfekt bin. Der Unterschied zur Selbstverliebtheit ist, sich selbst wert zu schätzen mit seinen Stärken und seinen Herausforderungen. Anzuerkennen, dass man schon etwas geschafft hat und gleichzeitig erkennen, dass noch ein gutes Stück Weg zu gehen ist.
  3. Selbstliebe kommt nicht nach Nächstenliebe
    Selbstliebe einüben heißt nicht, den Rest Liebe, der übrig bleibt, nachdem man an alle anderen ausgeteilt hat, für sich selbst zu nehmen. Auf die Gefahr hin, dass am Ende nichts übrig bleibt. Selbstliebe und Nächstenliebe stehen auf einer Stufe, in Beziehung zueinander. In der Bibel heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Da steht nicht erst den anderen, dann sich selbst sondern den anderen genauso wie mich. Bedeutet im Umkehrschluss wenn ich mich selbst nicht lieben und respektieren kann, wird es mir bei den anderen auch eher schwer fallen.

Das hier ist eine Memo an mich selbst (und an alle, die sich angesprochen fühlen): Hör auf, dich selbst zu zerfleischen. Werde dir selbst bewusst: Du bist richtig so, wie du bist. Mit deinen Stärken und deinen Herausforderungen.

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.