but first love

Vom „Ihr“ zum „Wir“

Im Sommer 2015 unternahmen wir mit einer Gruppe Jugendlicher eine Reise nach Österreich. Nicht irgendeine Reise, sondern ein erlebnispädagogisches Programm, das alle von uns an ihre Grenzen (und darüber hinaus) führen sollte. Die acht Teilnehmer hatten noch nie die Alpen gesehen, geschweige denn waren im Hochgebirge gewandert. Entsprechend anstrengend war der erste Aufstieg von der Hütte auf die nächste Alm. Dort bot sich ihnen zum ersten Mal ein atemberaubendes Bergpanorama. Aber das eigentliche Tagesziel war ein Klettergarten in den Felswänden. Und gegen die Herausforderungen in schwindelerregender Höhe war der Aufstieg nur ein Spaziergang gewesen…

So wie den Jugendlichen in Österreich geht es (im übertragenen Sinne) den meisten Hochsensiblen, mit denen ich in den letzten Jahren gesprochen habe. Der Weg zur Selbsterkenntnis ist mal mehr, mal weniger lang, manchmal steil und meistens herausfordernd. Der Aha-Moment ist wie ein Blick in die Weite. Plötzlich geht es auf. Plötzlich wird klar, warum man sich anders fühlt, was mit einem nicht richtig ist. Aber es ist nur ein, wenn auch wichtiges, Teilziel, eine Etappe auf dem weiteren Weg. Was dann folgt, ist oft doppelt schwer: Sich und seinen Platz in dieser Gesellschaft finden, im Großen wie im Kleinen. Mit der Andersartigkeit anerkannt werden und sie für sich selbst anerkennen können. Mir persönlich fällt das manchmal schwer.

In unserem Team, das momentan aus etwa 15 Leuten besteht, hat sich in den letzten Monaten herausgestellt, dass „wir“ zu viert sind und „die“ – natürlich – in der Überzahl. Wir und die. Keine gute Voraussetzung für ein gesundes Verhältnis. Die Gefahr ist, dass hochsensible wie normalsensible Menschen ihre Weltsicht und vor allem ihre Anspruchshaltung an einen „richtigen“ Mitarbeiter auf die anderen übertragen. Meistens projizieren dabei normalsensible Mitarbeiter ihre Vorstellungen von richtigem oder gutem Engagement auf hochsensible. Nicht aus bösem Willen heraus. Einfach, weil sie in der Mehrzahl sind. Und weil das Wissen und das Verständnis über Hochsensibilität fehlt. Gerade im pädagogischen Bereich (um den es mir im Folgenden hauptsächlich gehen wird) ist das nicht nur schade sondern regelrecht fatal, denn es gibt nicht nur hochsensible Teammitglieder, sondern auch Kinder und Jugendliche, die nicht ins „Schema F“ passen! Deshalb halte ich es für unerlässlich, sich auszutauschen, weiterzubilden und aufeinander zuzugehen. Folgende drei Stolpersteine sind mir auf diesem Weg in letzter Zeit begegnet:

1. „Mich versteht doch sowieso keiner.“ (Wenn ich über meine Hochsensibilität spreche, mache ich mich verletzbar.)

Über diesen Stein stolpere ich selbst immer wieder. Ja, es stimmt, ich mache mich verletzbar. Das ist mir leider auch schon schmerzlich bewusst geworden. Aber nicht jeder aus meinem Umfeld wird, wenn ich ihm mein Herz öffne, gnadenlos mit dem Messer hineinstechen. Wenn ich mich aber nicht öffne, gebe ich meinem Gegenüber überhaupt nicht die Chance, mich verstehen zu lernen. Ich mache mich selbst zum Opfer von „denen“ und stehe der Entwicklung vom „Ihr“ zum „Wir“ selbst im Weg.
Übrigens ist es auch ein Irrtum zu glauben, andere könnten mich verstehen. So wie ich es nicht nachvollziehen kann wie es ist, mit einem normalsensiblen Nervensystem zu leben kann mein Gegenüber nicht nachvollziehen, wie es ist, mit einem hochsensiblen Nervensystem zu leben. Worauf es ankommt, ist weniger das Verständnis als die Akzeptanz.

2. „Reiß dich doch einfach zusammen.“ (Wenn du als Hochsensibler jetzt weniger leistest bzw. ausfällst, muss ich als Normalsensibler mehr leisten.)

Eine andere, sehr verletzende Bemerkung, die ich aus christlichen Kreisen gehört habe: „Lass dich doch von Gott verändern.“ Beides lässt Wertschätzung und Fachkenntnis vermissen und zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist in einem Team oder einer Gemeinschaft Hochsensibilität zum Thema zu machen. Denn Hochsensibilität hat nichts mit Unvermögen zu tun!
Gleichzeitig darf Hochsensibilität nicht als Ausrede genutzt werden, sich auf die Kosten der anderen vor unliebsamen Aufgaben zu drücken. Der Kern des Problems ist jedoch ein anderer: Wenn meine Kollegin befürchtet, aufgrund meiner Hochsensibilität in die Überforderung zu geraten, ist das weder meine noch ihre Schuld sondern die der Aufgabenstellung. Wenn wir mit den Mitteln und Menschen, die uns zur Verfügung stehen, Gefahr laufen überfordert zu sein, müssen wir die Aufgabe verändern, nicht die Menschen. Natürlich ist das nicht in jedem Team automatisch möglich, aber es sollte ein erstrebenswertes Ziel von Teamleitern und Chefs werden, die Ziele an die Mitarbeiter und nicht die Mitarbeiter an die Ziele anzupassen.

3. „Aber wir sind doch ein Team.“ (Ein Team sein bedeutet, nach der größtmöglichen Übereinstimmung zu streben.)

Es heißt, eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Schwäche ist für mich nicht mit Hochsensibilität gleichgesetzt. Jeder im Team kann in verschiedensten Situationen der sein, nach dem sich das Tempo der anderen richtet. Wichtig dabei ist die gegenseitige Akzeptanz. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass die größtmögliche Übereinstimmung nicht der erstrebenswerte Zustand eines Teams ist. Das „Wir-Gefühl“ gründet sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Dem gemeinsamen Ziel, der Vision, dem verbindenden Glauben. Damit wird alle Andersartigkeit zweitrangig.

Der Weg vom „Wir“ zum „Ihr“ ist nicht leicht, aber er lohnt sich. Wenn wir es als Team oder Gemeinschaft schaffen, verschiedene sich ergänzende Maßstäbe zu setzen und nicht nur abrechenbare Leistung zu erwarten, geht es vorwärts. Oft sind hochsensible Teammitglieder das Öl im Getriebe und ihre Leistung wird erst erkannt, wenn sie ausfallen. Und damit  ist niemandem geholfen.

Als wir den Klettergarten in der Felswand erreicht hatten, wartete in dreißig Meter Höhe eine Seilbrücke, die es zu überqueren galt. Wenn es etwas gibt, was mich wirklich körperlich und geistig lähmt, ist es meine Höhenangst. Der schmale Grat hinauf zu den zwei schlichten Seilen kostete mich nicht nur Überwindung sondern auch Zeit. Aber die Absprache war: Wir Mitarbeiter nehmen die gleichen Herausforderungen an, wie die Jugendlichen. Als ich meinen Fuß auf das untere Seil gesetzt habe, musste ich natürlich nach unten schauen. Danach habe ich stur geradeaus gestarrt, bis ich auf der anderen Seite angekommen war. Am Ende fühlte sich alles nicht so schlimm an. Aber der erste Schritt ist bekanntlich der Schwerste.

Hast du dich schon auf den Weg vom „Ihr“ zum „Wir“ gemacht? Was hält dich noch davon ab?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie
 

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