but first love

Und was machst du so? Ein Plädoyer für das Nichtstun.

Vor einiger Zeit waren wir auf eine Hochzeit eingeladen. Hochzeiten an sich sind eine super Sache. Das Einzige, was ich nicht sonderlich mag, ist die typische Eisbrecherfrage mit den noch unbekannten Tischnachbarn: Und was machst du so?
Meistens zielt die Frage nicht darauf ab, was ich jetzt gerade mache. Das ist ja offensichtlich. Nein, eigentlich heißt die Frage: Und was machst du so beruflich?
Eigentlich ist diese Frage nicht verwerflich. Eigentlich… Auf besagter Hochzeit aber erwischte sie mich auf dem falschen Fuß. Auf einmal hatte ich das Gefühl, reduziert zu werden auf meinen Job. Das lag nicht an den Tischnachbarn! Wir führten nach der Eingangsfrage eine angeregte Unterhaltung über… Sozialarbeit. Ja, ich liebe meinen Job. Und war doch gerade dabei, mich aus der Überpräsenz meines Berufes (besser gesagt, meiner Berufung) zu lösen. Zugegeben, ich hätte auch etwas sagen können wie: tut mir leid, ich möchte gerade nicht über Arbeit sprechen. Hab ich aber nicht. Und im Nachhinein kam mir der Gedanke – mein Problem mit dieser Frage liegt tiefer.

In unserer Gesellschaft gilt: Du bist, was du tust. Wenn du nichts (Sinnvolles) tust, bist du nichts. Ist das so? Mal ganz im Ernst? Hat der Mensch nur ein „Existenzrecht“ solange er ein festgelegtes Maß an abrechenbarer Leistung erbringt? Wenn ich mir manche Diskussionen beispielsweise zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen anhöre, kommt es mir so vor. Wenn ich mit jungen Müttern spreche, die nach der Geburt ihres Kindes am häufigsten gefragt werden, wann sie denn wieder arbeiten gehen, dann kommt es mir so vor. Wenn der direkte Weg von vielen jungen Erwachsenen sie über Abitur und Studium ins Burnout führt, dann kommt es mir so vor.

„Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr >Förderung<. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?“
Herbert Renz-Polster

Welches Ziel, welche Träume wollen wir eigentlich erreichen? Gerade unter Hochsensiblen sehe ich häufig, dass sie allen möglichen Zielen nachjagen – die Erwartungen der Eltern erfüllen, der Gesellschaft beweisen, dass sie mithalten können… Irgendwann kommen sie selbst nicht mehr vor. Und ich würde ihnen gern sagen: Tu doch mal nichts von alledem!
Mach die Ausbildung, die dir am Herzen liegt. Arbeite so viel, wie du Geld zum Leben brauchst. Und dann folge deinem Herzen und staune, was du zu geben hast. Nicht an abrechenbarer Leistung, sondern von dir. Lass dir nicht einreden: ohne einen Vollzeitjob, ein vorzeigbares Ergebnis am Ende des Tages seiest du wertlos. Einen Menschen macht so viel mehr aus als nur sein Job! Große Träume und kleine Ziele, Beziehungen, Leidenschaften, Erfahrungen. Du bist nicht nur, was du tust. Du bist – und das genügt!

Wenn ich das nächste Mal mit mir noch unbekannten Menschen am Tisch sitze, dann werde ich es mit einer anderen Eisbrecherfrage versuchen. Welches Reiseziel steht ganz oben auf deiner To-do-Liste? Welchen Traum möchtest du dir unbedingt erfüllen? Ich glaube, die Antworten auf solche Fragen malen ein viel echteres, lebendigeres Bild von meinem Gegenüber als nur die Frage nach dem Job. Klar, das ist auch spannend und es gehört dazu – aber es ist einfach nicht alles!

Identifizierst du dich gern mit deinem Job? Was macht dich aus?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

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