but first love

Mein Poesiealbum lügt

Vor einigen Tagen stöberte ich durch Facebook und stolperte dabei über diesen Sprüche-Post einer guten Bekannten: „Manchmal hat man das Gefühl, andere mit seinen Sorgen und Problemen zu nerven. Deshalb schweigt man und weint alleine…“
Ich musste unweigerlich an mein Poesiealbum denken. Ein guter Grundschulfreund hatte mir damals einen Spruch hineingeschrieben, der zu meinem Lieblingsvers wurde:

Das sind die Starken, die unter Tränen lachen,
eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen. (F. Grillparzer)

Ich fand diese Aussage ein bisschen heldenhaft und sie passte auch zu mir und meinem Inneren. Gesund aber war (und ist) diese Einstellung nicht.
Durch meine feinen Sensoren für die inneren Sorgen und Nöte der Menschen um mich herum fühlte ich mich schon als Kind schnell emotional überfordert und belastet. Ich wusste nicht, woher das kam und wie ich mich hätte abgrenzen können. Also traf ich eine Entscheidung, die sicherlich viele andere Hochsensible auch getroffen haben: Weil es mich belastet, mit den negativen Gefühlen von anderen konfrontiert zu werden, stelle ich meine eigenen negativen Gefühle hinten an, um andere nicht auch damit zu belasten. Mit anderen Worten: Das, was mich an meinem Gegenüber anstrengt, muss ja zwangsläufig mein Gegenüber auch an mir nervig finden. Was in meinem kindlichen Gedankengang nicht vorkam war erstens, dass es nicht die Aufgabe eines Kindes ist, die negativen Gefühle anderer (vor allem Erwachsener) mitzutragen und zweitens, dass nicht alle Menschen um mich herum so empfinden wie ich. Manch Normalsensibler kann viel besser mit den Lasten anderer umgehen, weil sie ihn nicht so tief berühren. Und manch Hochsensibler kann das ebenfalls, weil er gelernt hat, gut mit seiner Veranlagung zu leben.
Heute weiß ich mehr über Hochsensibilität. Aber Entscheidungen, auch unbewusste, die in der Kindheit getroffen wurden klingen trotzdem nach. So eine Entscheidung bewusst umzukehren ist nicht einfach, aber notwendig. Ich bin sicher, dass es im Umfeld eines jeden von uns Menschen gibt, die gern teilhaben möchten an unserem ganzen Leben. Nicht nur an den sonnigen Höhen, sondern auch an den schattigen Tiefen. Es ist nicht nur normal, sondern auch gut, negativen Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut Raum zu geben. Natürlich nicht völlig unkontrolliert und verletzend. Aber Angst zu haben, sich zu ärgern oder zu weinen ist nichts Negatives, es gehört zum Leben dazu. Überhaupt gibt es keine „negativen“ Gefühle. Leider begegne ich gerade im christlichen Bereich manchmal diesem Versuch, Gefühle in gut und schlecht zu klassifizieren. Ein „guter“ Christ verspürt folglich hauptsächlich „gute“ Gefühle. Das finde ich mehr als seltsam. Wenn wir uns als Christen an Jesus orientieren, dann doch auch an seinem Gefühlsleben. Und das fand nicht nur auf sonnigen Höhen statt:
Im neuen Testament steht bei Johannes (Kapitel 11) in der Geschichte von Lazarus‘ Tod ein schlichter, kraftvoller Satz: „Da weinte Jesus.“ Öffentlich, für alle sichtbar. Und keiner ist gekommen und hat gesagt: Mensch Jesus, reiß dich doch mal zusammen, du bist doch ein Vorbild. Männer weinen nicht!
In einer anderen Geschichte, nachzulesen in Markus (Kapitel 10), versuchen seine Freunde, eine Gruppe von Frauen zu verjagen, die mit ihren Kindern zu Jesus wollen: „Als er das sah, wurde er zornig.“ Er wurde zornig! Kein nettes: Mensch Leute, das finde ich jetzt nicht okay. Nein, er ist laut geworden, leidenschaftlich. Vielleicht auch harsch. Und es war in Ordnung.
Echte Stärke liegt nicht im Gefühle unterdrücken, sondern im zu sich Stehen (nicht im sich Gehenlassen). Du bist nicht nur das, was du anderen von dir zeigst. Du bist auch das, was nur du von dir siehst, wenn alle Türen hinter dir geschlossen sind. Und auch das ist in Ordnung.
Echte Stärke liegt auch darin, sich Fehler einzugestehen und sie damit auch anderen zuzugestehen. Sich selbst wertzuschätzen mit allen Ecken und Kanten – und dabei bereit zu sein, die Kanten schleifen zu lassen, die mich und andere verletzen können. Ich wünsche uns, dass wir zu einem ehrlichen Umgang miteinander kommen, in dem wir uns unserer Gefühle nicht schämen müssen, nichts entschuldigen und erklären müssen und vor allem, in dem Gefühle zeigen keine Schwäche ist.

Und mein Poesiealbum? Es soll eine Erinnerung für mich sein, dass meine Sorgen und Nöte genauso Raum haben dürfen wie die der anderen. Dass es Menschen gibt, die gern an den schattigen Tälern in meinem Leben teilhaben und ein Stück Weg mitgehen möchten. Wenn ich mir das wert bin, dann bekomme ich auch mehr Kraft, die Sorgen der anderen mitzutragen.

Bist du es dir wert, deinen Ängsten und Nöten so viel Raum zu geben, wie du denen der anderen gibst? Welches „Kindheitsversprechen“ hängt dir nach?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

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