but first love

Innerer Nachhall

Manchmal, wenn es draußen dunkel und still ist und ich nach einem langen Tag eigentlich dringend schlafen müsste, sitze ich auf meinem Bett und starre aus dem Fenster. Der Tag hallt nach.
Manchmal, wenn ich einen schönen, spannenden oder aufreibenden Film gesehen habe, liege ich abends im Bett und er zieht vor meinem inneren Auge noch mal vorbei.
Manchmal, wenn ich aus dem Urlaub komme, schaue ich mir alle Bilder noch mal an und realisiere erst nach und nach, dass ich wirklich dort war.
Egal, ob du das total abgedreht oder total nachvollziehbar findest – es ist normal.

Durch das „Mehr“ an Informationen, die durch das Nervensystem eines Hochsensiblen aufgenommen werden, ist auch die Verarbeitungsphase länger. Das bedeutet, dass gerade emotional (positiv wie negativ) herausfordernde Gespräche, Situationen etc. eine Nachbearbeitungsphase brauche. Manchmal gehe ich Situationen im Kopf immer wieder durch, bis sie abgelegt werden können. Daraus ergeben sich allerdings zwei Probleme: zum einen ist ein normalsensibler Mitmensch viel schneller beim nächsten Punkt und irritiert, wenn ich immer wieder zu einer für ihn bereits abgehakten Situation zurückkehre. Zum anderen ist diese Nachhall-Phase nicht abrechenbar. Oft, während noch eine Begebenheit in uns nachhallt, steht bereits die nächste Situation an – im Job, in der Familie, im Freundeskreis. Wieder auf Sendung sein, hundert Prozent geben. Da ist Überforderung vorprogrammiert. Und wie gesagt, die nötige Verarbeitung von Informationen ist in den seltensten Fällen abrechenbare Arbeitszeit.

Vor einiger Zeit habe ich ein intensives, mehrstündiges Seelsorgegespräch geführt. Danach war ich nicht mehr zu gebrauchen. Ich ließ die Jalousien runter und legte mich erst mal eine Stunde auf’s Bett. Wie ein aufgewühltes Gewässer, das langsam wieder klar wurde brauchte mein Kopf Zeit, sich zu sortieren, Informationen zu verarbeiten und abzulegen. In der darauffolgenden Nacht schlief ich 14 Stunden am Stück. Ich bin froh, dass mein Mann (der schon nach sechs Stunden Schlaf wieder topfit ist) das problemlos respektiert, denn gerade den Nachtschlaf braucht mein Körper, um Informationen zu verarbeiten und die Energiespeicher wieder aufzufüllen. Solche extremen Situationen kommen aber auch eher selten vor. Trotzdem ist es wichtig, für mich selbst herauszufinden, was ich brauche, wenn ich so viele Informationen aufgenommen habe, dass ein Limit erreicht ist und durch eine Verarbeitungsphase erst mal Platz gemacht werden muss.

Manchmal bekomme ich diese eine Frage gestellt: Wie kann das gehen mit meiner Hochsensibilität – in meinem Job, in meinem Umfeld, in dieser Gesellschaft? Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. ABER: ich bin sicher, dass Veränderung nur dann geschieht, wenn wir offen darüber reden und so eine positive Wahrnehmung schaffen. Ja, ich möchte mich nicht immer erklären müssen, aber ich kann auch nicht erwarten, dass Akzeptanz einfach so entsteht. Es braucht einen wertschätzenden Austausch, ein Geben und Nehmen.

Ein europäischer Biologe hatte für eine Himalaja- Expedition eine Gruppe indischer Träger angeheuert. Der Forscher war in großer Eile, denn er wollte schnell an sein Ziel kommen. Nachdem die Gruppe den ersten großen Pass überschritten hatte, erlaubte er ihnen eine kurze Rast. Nach einigen Minuten rief er aber wieder zum Aufbruch. Die indischen Träger blieben aber einfach auf dem Boden sitzen, als hätten sie ihn gar nicht gehört. Sie schwiegen und ihr Blick war zu Boden gerichtet. Als der Forscher die Inder schärfer aufforderte, weiterzugehen, schauten ihn einige von ihnen verwundert an. Schließlich sagte einer: „Wir können nicht weitergehen. Wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind.“

Indische Geschichte

Diese Geschichte verdeutlicht in meinen Augen das Phänomen des inneren Nachhalls ganz gut. Wenn wir bei dem Bild der nachkommenden Seelen bleiben, würde es bedeuten, dass auch die Seele des Biologen nachkommen muss, er sich dessen aber nicht bewusst war. Zu viel Leistungsdruck, zu viel Zeitdruck, zu viel Geschwindigkeit tut niemandem gut. In gewisser Weise können Hochsensible die Warnleuchten der Gesellschaft sein. Denn ein „weniger ist mehr“ täte uns allen ganz gut.

Was brauchst du, um Informationen gut zu verarbeiten? Wo wünschst du dir mehr Akzeptanz, mehr Freiheit so zu leben wie es dir gut tut?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

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