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Hochsensibel ist nicht gleich hochsensibel

Vielleicht denkst du gerade: Schön und gut. Dieses ganze Thema spricht mich an, aber mit dem hochsensiblen empathischen Gefühlsmenschen hab ich meine Probleme. Das bin ich einfach nicht.

Stimmt. Dann bist du es nicht und musst es auch gar nicht sein. Denn die Hochsensibilität wird – ganz pragmatisch – in vier Arten unterteilt. Dabei wird es wie bei jedem Persönlichkeitstest natürlich Mischformen geben, aber um einen Überblick zu geben stelle ich euch die vier Arten mal vor:

Empathisch (die Seelsorger)

Die empathische Form der Hochsensibilität – ich nenne sie den Seelsorger – ist sicher die bekannteste. Sie trifft auf mich im großen Maße zu. Und auf meine Mutter. Ihr konnte man nie ein X für ein U vormachen. Sie spürte einfach wie es mir ging, auch wenn ich gar nichts gesagt hatte. Mir geht es häufig genauso. Wenn ich mit Menschen zusammen bin spüre ich oft – unabhängig davon, ob ich sie gut, weniger gut oder gar nicht kenne – wie es ihnen geht. Nicht selten bin der bevorzugte Gesprächspartner – für Seelsorge aber auch für Fachfragen.
Eine kleine Begebenheit, die mein Mann beobachtet hat: Auf unserem letzten Zeltlager saß er im „Büro“, das sich im Mitarbeiterbereich befand. Mit ihm saß dort eine Gruppenbetreuerin, die Pause machte. Beide waren nicht schwer beschäftigt, unterhielten sich aber nicht. Irgendwann kam ich ins Zelt, um etwas zu holen. Da hob die Mitarbeiterin plötzlich den Kopf und sagte: „Steffi, wie gut, dass du kommst! Ich hab da eine Frage…“ Die Frage, die sie stellte, hätte mein Mann genauso gut beantworten können. Aber sie fragte mich.
Manchmal bin ich hin und hergerissen, ob mir diese besondere Aufmerksamkeit schmeichelt oder ob sie mich einfach anstrengt.
Die Stärke dieser Ausprägung ist die hohe Empathie für die Mitmenschen und die gute Intuition für Stimmungslagen und Atmosphäre. Außerdem haben empathische Hochsensible ein reiches, vielschichtiges Innenleben. Keine Angst vor Gefühlen! Das ist ein Geschenk, kein Makel.
Die Herausforderung der hochsensiblen Seelsorger ist eng mit ihrer Stärke verknüpft. Durch ihr hohes Maß an Empathie neigen sie dazu, sich mehr um andere zu kümmern als um sich selbst, sodass die Grenzen zwischen ihnen und ihrem Gegenüber verschwimmen können. Außerdem besteht die Gefahr, dass sie ihre innere Wirklichkeit (die Bilder und Vorstellungen) als äußere Realität betrachten.

Kognitiv (die Wissenschaftler)

Diese Ausprägung ist bei mir weniger vorhanden, seht es mir nach, wenn ich mich kürzer fasse. Das soll keine Abwertung sein, ich kann nur quasi nichts dazu erzählen.
Die Stärke des kognitiven Hochsensiblen liegt in seinem analytischen, intellektuellen Denken. Komplexe Zusammenhänge erschließen sich ihnen rasch, in Verhandlungen können sie zu zähen Kämpfern werden. Emotionen richten sich eher nach innen als nach außen.
Darin besteht auch ihre Herausforderung: Wenn die Emotionalität ihres Gegenübers sie verunsichert, können sie ablehnend reagieren und damit Missverständnisse verursachen. Außerdem neigen sie dazu, alles mit Fakten belegen zu wollen.

Sensorisch (die Künstler)

Die Hochsensiblen mit sensorischer Ausprägung nehmen Sinnesreize besonders intensiv auf. Ich habe als Kind Geigenunterricht genommen. Wenn ich mit meiner Lehrerin zweistimmige Stücke gespielt habe, nahm ich immer noch einen oder mehrere dazu passende Töne wahr. Aber ich dachte sie nicht, ich hörte sie. Bisher habe ich noch niemanden gesprochen, der dieses Phänomen kennt, aber mich würde interessieren, ob es anderen auch so geht. Überhaupt bin ich sehr anfällig für Lärm oder Geräusche. Ich kann Gespräche, die im Restaurant am Nebentisch geführt werden, nur schwer ausblenden und nach einer langen Autofahrt rauschen meine Ohren noch eine ganze Zeit lang. Die Sirene einer vorbeifahrenden Feuerwehr halte ich kaum aus.
Damit sind wir schon bei der Herausforderung dieser Ausprägung: Die Reize aus der Umwelt können enorm schnell das Nervensystem überreizen und die Konzentration einschränken. Dazu zählen natürlich noch andere Sinneseindrücke wie z.B. das Kratzen eines Pullovers, grelles Sonnenlicht oder chemische (und andere unangenehme Gerüche). Diese Hochsensiblen neigen auch eher dazu, auf bestimmte Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln und Kosmetika zu reagieren.
Die Stärke liegt in ihrer feinen, künstlerischen Wahrnehmung. Sie sehen Details, die anderen verborgen bleiben (ich habe schon davon gehört, dass es Menschen gibt, die viel mehr Farbnuancen wahrnehmen können), haben ein ausgeprägtes Gespür für Farben und Formen, Musik und Ästhetik. Ich wünschte, unsere Gesellschaft würde so begabte Menschen mehr schätzen und ihre Werke nicht als brotlose Kunst abtun.

Spirituell (die Propheten)

Dieser Typus ist besonders tiefgründig und empfänglich für die immaterielle Welt. Sie befassen sich intensiv mit Esoterik und Religion, getrieben von einer tiefen Sehnsucht nach einer geistlichen Heimat. Meine spirituellen Erfahrungen beziehen sich auf das Christentum, alle Leser, die damit nichts anfangen können, mögen es mir nachsehen.
Herausforderungen liegen hier besonders in ihrem hohen geistlichen Anspruch, den sie durch ihre eigenen, tiefen Erfahrungen auch an ihre Umgebung stellen. Nicht wenige spirituell Hochsensible sind wohl – enttäuscht von ihrer Gemeinde oder Gruppe – zu Einzelgängern im Glauben geworden.
Ihre Stärkeliegt in ihrer ausgeprägten Bereitschaft, sich gewissenhaft und mit Wahrhaftigkeit und Tiefe zu engagieren.
An dieser Stelle möchte ich einen Punkt einwerfen, der mir sehr wichtig ist. Schon häufig habe ich beobachtet, dass in christlichen Gemeinden und Werken nicht die individuelle, begabte Persönlichkeit (unabhängig von Hochsensibilität) sondern die Aufgabe im Mittelpunkt steht. Lasst uns anfangen, dem Mitarbeiter eine Aufgabe zu geben statt der Aufgabe einen Mitarbeiter! Wenn ich sehe, wie eine aufopferungsvolle, seelsorgerlich und kreativ begabte Frau sich aus falschem Verantwortungsbewusstsein heraus durch eine Verwaltungsaufgabe quält, ist das weder effektiv noch wertschätzend und schon gar nicht biblisch.

Ich hoffe, ich konnte dir einige aufschlussreiche Gedanken mitgeben – zu dir selbst oder deinem Gegenüber. Glaub an deine Stärken! Kaum etwas ist frustrierender als nicht gelebtes Potential!

In welcher Form von Hochsensibilität findest du dich wieder? Kannst du dein Potential ausleben?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

3 Kommentare

  1. Das mit den Zusatztönen beim Geigespielen würde ich als Interferenzschwingungen erklären. Der Aufbau eines Tons besteht aus einem tiefen Ton, der Oktave darauf, der Quinte, der Quarte, der Terz, und so weiter, mit nach oben immer kleiner werdenden Intervallen. Je nach dem, wie stark oder schwach verschiedene dieser mitschwingenden Töne sind, ergibt sich eine andere „Klangfarbe“. Ich könnte mir vorstellen, dass du aus dem Gesamtklang eines Tons die mitschwingenden „Untertöne“ klarer heraushörst als andere Menschen.

  2. Es wird noch ein wenig dauern bis ich alles durchgelesen habe um mir dann eine Meinung zu bilden und zu präsentieren , aber bei einem bin ich mir bereits sicher : Es ist sehr angenehm das alles hier zu lesen. 🙂

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