but first love

Die Sache mit der Wissenschaft

Beim Stöbern im Internet bin ich über einen Kurzbeitrag des Online-Programms vom WDR (360°) gestolpert. Eine junge Frau setzt sich in einer 15-minütigen Reportage mit ihrer (vermuteten) Hochsensibilität auseinander. Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut davor, denn in Zeiten des Internets sind ja die anonymen Besserwisser mit ihren abschätzigen Kommentaren leider nie weit. Sein Innerstes zu offenbaren heißt, sich angreifbar machen. Das kostet Mut. Und sicherlich auch eine ordentliche Portion Nerven.
Die Doku eröffnet mit der Frage „Gibt es Hochsensibilität wirklich?“ (bzw. ist es wissenschaftlich belegbar) und geht vom ersten Satz an davon aus, dass es sie selbstverständlich gibt. Das war natürlich gefundenes Fressen für die Kommentatoren. Ihre Kritik an dem Thema in zwei Punkte zusammengefasst lautete: Kann ich mir nicht vorstellen, kann es nicht geben. Und Hochsensibilität ist nichts weiter als ein neuer Versuch, individualistisch zu sein und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Nach dem 15-minütigen Schauen der Doku und dem wahrscheinlich 30-minütigen Lesen der Kommentare (ich sollte mir das dringend abgewöhnen!) hatte ich drei Fragen im Kopf, mit denen ich mich mal näher beschäftigt habe.

Wer ist eigentlich „die Wissenschaft“?

Die Frage nach wissenschaftlicher Belegbarkeit von Hochsensibilität führt im Moment zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet ist kein lukratives Forschungsthema (auf Deutsch gesagt: damit lässt sich kein Geld verdienen). Aber es gibt nun mal auch nicht das wissenschaftliche Fachgremium, das über Anerkennung oder Ablehnung bestimmter Themen entscheidet. „Die Wissenschaft“ – das ist ungefähr so nichtssagend wie „die Politik“ oder „die Kirche“.
Der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität schreibt folgendes zum Thema:

„Die Feststellung, dass manche Menschen sensibler sind als der Durchschnitt, dürfte allgemeiner Wahrnehmung entsprechen und daher trivial sein. (…) Wissenschaft „funktioniert“ aber anders: Neue Ideen und Theorien werden zunächst von Einzelnen in der Fachpresse veröffentlicht. Im Laufe der Zeit – dies kann sehr lange dauern – werden die neuen Thesen durch weitere Forschungen bestätigt, widerlegt oder verfeinert. Bis eine Position „herrschende Meinung“ oder sogar „allgemeine Ansicht“ wird, ist es aber meist ein weiter Weg.
Der Ausdruck „Hochsensibilität“ als wissenschaftlicher Terminus existiert seit einer grundlegenden Veröffentlichung im hoch angesehenen Journal of Personality and Social Psychology aus dem Jahre 1997.“

Der Begriff Hochsensibilität ist eine Prägung der 1990er Jahre. Das Phänomen Hochsensibilität ist deshalb aber noch lange kein modernes. Vielleicht bekommt es in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit, weil uns in einer rasend schnellen Ellbogengesellschaft Selbst- und Mitgefühl verloren gehen.

Brauche ich eine (wissenschaftliche) Legitimation für meine Gefühle?

Dass Menschen Reize unterschiedlich stark aufnehmen und verarbeiten, hat Nobelpreisträger Ivan Pavlov schon vor über hundert Jahren herausgefunden. Ob ich das jetzt Hochsensibilität oder wie im Fachausdruck sensory processing sensetivity (deutsch: Sensitivität der sensorischen Verarbeitung) nenne, sei mal dahingestellt.
Wenn nun jemand in einem Onlineforum kommentiert: „Ich kann gar nicht nachvollziehen, was das sein soll. Das ist totaler Quatsch!“, ist das zum einen wenig wertschätzend und zum anderen irrelevant. Denn: wenn ich mich absolut nicht hineinversetzen kann, wie es ist, ein Mann zu sein – gibt es dann automatisch keine Männer? Blöde Frage, richtig? Genauso ist es aber mit der Diskussion um Hochsensibilität. Nur, weil ich etwas nicht nachvollziehen kann heißt das noch lange nicht, dass es nicht existiert.
Wenn wir unser inneres Fühlen, unser Sein, vom Urteil anderer abhängig machen – wo soll das hinführen? Wir müssen und dürfen lernen, uns selbst zu vertrauen!

Warum ist Andersartigkeit ein Problem?

In einer absolut individualistischen Gesellschaft wie der unseren ist es schick, sich irgendwie von anderen abzugrenzen. Und dann kommen Menschen daher, die sich als hochsensibel bezeichnen oder – wie es manch Betrachter von außen auch formulieren mag – diagnostizieren (nein, Hochsensibilität ist keine Krankheit!). Plötzlich ist es überhaupt nicht mehr in Ordnung, anders zu sein. Nämlich sobald der andere nicht mehr in die Schubladen meiner Weltsicht passt.
Hä? Wird da nicht gerade das Pferd von hinten aufgezäumt?
Bei Hochsensibilität geht es wahrlich nicht darum, auf Biegen und Brechen anders zu sein. Im Gegenteil: Viele Hochsensible leiden unter ihrer Andersartigkeit und wünschen sich nichts sehnlicher, als das das endlich weg geht. Ist das nicht schlimm? Eine auf Individualismus ausgerichtete Gesellschaft kann mit Andersartigkeit nicht umgehen. Dabei ist es keine abgrenzende sondern eine ergänzende Andersartigkeit. Eine Gesellschaft nur aus Hochsensiblen würde nicht funktionieren (und ich stelle mir das sehr anstrengend vor), genauso wie eine Gesellschaft nur aus Normalsensiblen nicht funktionieren wird. Die Mischung macht’s. Es ist so gedacht, dass es beide Typen Mensch gibt und das ist gut so.

Hochsensibilität sollte nicht als Entschuldigung für alle möglichen (und unmöglichen) Eigenarten und Angewohnheiten dienen. Es geht auch nicht darum, sich nach außen als hochsensibel darzustellen um irgendeinen Vorteil davon zu haben. Vielmehr kann es für viele Menschen hilfreich sein, durch Hochsensibilität (unabhängig von einer wissenschaftlichen Belegbarkeit) eine positive Erklärung für sich selbst zu bekommen: Mit dir ist alles in Ordnung. Denn es geht nicht um richtig und falsch. Sondern um richtig und richtig.

Lässt du dich auch verunsichern von der Meinung anderer? Ist das Thema für dich eher befreiend oder belastend?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

2 Kommentare

    1. Hallo Marlena,
      danke für deinen Besuch. 🙂 Wie du selbst auf deinem Blog schreibst – Erfahrungen, Leidenschaften, Inspiration. Ich finde, da können wir alle nur voneinander lernen.
      Liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.