but first love

Das war respektlos!

Vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter von einer Begebenheit. Zwei Leute befanden sich in einem angeregten Gespräch, als die eine unvermittelt in Tränen ausbrach. Der andere wandte sich brüsk ab und meinte zu meinem Bekannten: „… und dann muss die gleich anfangen, zu heulen.“
Wow, dachte ich, das war respektlos.

Ich habe eine schlechte Nachricht für all die hochsensiblen Leser: wir können von Normalsensiblen kein Verständnis für unser So-Sein erwarten. Damit würden wir Normalsensible sogar überfordern, sie können sich schlichtweg nicht in uns hineinversetzen. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach normal. Genauso normal, wie wir uns nicht in einen Normalsensiblen hineinversetzen können.
Ich habe aber auch eine gute Nachricht: wir dürfen Respekt erwarten, ja das müssen wir sogar! Denn viel zu oft machen wir uns selbst klein, sind uns selbst gegenüber respektlos. Entschuldige, ich bin halt so emotional. Wir machen unser Naturell zu einer Schwäche, kein Wunder, dass sich Andere in diesem Punkt uns gegenüber ebenfalls respektlos verhalten.
Es ist schon eine Weile her, da war ich auf einer Hochzeit eingeladen. Das Brautpaar gab sich ein selbst formuliertes Eheversprechen. Eine schöne Sache. Aber dann versprach die Braut ihrem Mann, sich bemühen zu wollen „ihre Emotionalität in den Griff zu bekommen“. Mehr noch, sie betete dafür, dass Gott ihr dabei helfen solle, nicht mehr so emotional zu sein. Ich wäre gern aufgestanden und hätte sie geschüttelt, hätte gesagt: Das war respektlos gegenüber dir selbst. Deine Emotionalität ist keine Schwäche, sie ist Teil deiner selbst und das ist gut so. Ja, sicherlich kann man lernen, gut damit umzugehen. Aber wir dürfen, wir müssen aufhören, uns dafür zu entschuldigen! Im Übrigen habe ich ihr nach der Hochzeit ein paar, hoffentlich Mut machende, Zeilen dazu geschrieben.

Respekt, da bin ich mir sicher, muss man sich nicht verdienen. Ein Mindestmaß an Respekt meinen Mitmenschen gegenüber kann ich von Jedem erwarten – hochsensible Menschen natürlich eingeschlossen. Auch wir sind dazu herausgefordert, Anderen Respekt entgegenzubringen, gerade wenn sie nicht so sind wie wir. Denn genau das ist ja die Herausforderung – respektvoll sein, wenn sich jemand nicht so verhält, wie ich es erwarte oder mir vorstelle. Wenn jemand andere Entscheidungen trifft, als ich treffen würde. Wenn jemand andere Schwerpunkte setzt, andere Stärken hat. In den allermeisten Fällen haben Menschen einen Grund, sich so oder so zu verhalten, sich so oder so zu entscheiden. Das gilt es, zu respektieren.
Ja, es gibt Situationen, da ist jemand scheinbar nicht in der Lage, gute Entscheidungen zu treffen. Nein, das ist kein Freibrief für das Erteilen ungefragter Ratschläge. (Extremfälle wie Unzurechnungsfähigkeit oder schwerwiegende Erkrankungen klammere ich hier mal aus, denn das ist in den seltensten Momenten der Fall.)
Wie schnell wähnen wir uns an dem Punkt, es besser zu wissen und gehen dabei doch von unserem persönlichen „Status quo“ aus. Gerade auch in Glaubensfragen, in Fragen der Spiritualität neigen wir Menschen dazu, respektlos oder sogar „übergriffig“ zu werden. Andersartigkeit anderer „weg beten zu wollen“, zu wissen „wie man richtig dient“ – in manchen Fällen kann es hilfreich sein, in vielen Fällen überschreiten wir unbewusst die Grenze des Respekts. Ich darf meinem Gegenüber ruhig zutrauen, dass er/sie selbst weiß, was gerade gut ist, wo die eigenen Stärken liegen. Und ich darf dem Anderen Mut machen, die eigenen Stärken zu respektieren und zu nutzen – egal, ob sie in meine Vorstellung oder die gesellschaftliche Norm passen.

Auf einer Konferenz, die ich besuchte, hatte ein Team von Leuten eine tolle Café-Ecke eingerichtet, eine Mischung aus Industrie-Design und Retro-Schick. Ich würde sagen, es war auf den Punkt. Nagel auf den Kopf getroffen. Die Leute haben es rege genutzt und sich wohl gefühlt.
Der Kopf dieses Teams war ein Mann. Er hatte nicht nur das Design selbst entworfen, sondern auch mit viel Hingabe und Liebe zum Detail die Papier-Kraniche gefaltet und dekoriert. Und er wollte nicht genannt werden. Warum? Weil Deko so ein Frauending ist. Er hat sich selbst klein gemacht.
Wisst ihr, was ich dachte? Solche gesellschaftlichen Zuschreibungen sind respektlos.

Tappst du auch manchmal in die Falle, respektlos gegenüber dir selbst zu sein? Was würde helfen, einen respektvollen Umgang und eine positive Wahrnehmung zu schaffen?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

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