but first love

Das Fallbeil im Kopf

Hochsensibilität ist, anders als mancher glauben mag, keine Sache von körperlicher Einschränkung. Gerade laufen die Olympischen Winterspiele und ich möchte wetten, dass unter all den Topathleten die gleichen 15-20% Hochsensibler zu finden sind wie in der allgemeinen Bevölkerung. Denn das Persönlichkeitsmerkmal Hochsensibilität hindert uns grundsätzlich nicht daran, Höchstleistungen in den verschiedensten Bereichen bringen zu können.
Wenn wir lernen, das Fallbeil in unserem Kopf zu kontrollieren.

Wenn das Limit überschritten wird

Die Formulierung „Fallbeil im Kopf“ laß ich vor kurzem auf einer Seite über verschiedene Persönlichkeitstypen und sie kam mir ziemlich passend vor.
Von Zeit zu Zeit gerate ich in Situationen, wo mir die Kontrolle über die Reize von außen verloren geht bzw. in denen ich keine Chance habe, auf die Reize Einfluss zu nehmen. Dann schlägt das Fallbeil zu – von einem Moment auf den anderen kippen meine Stimmung und meine Leistungsfähigkeit.
Auf dem Heimflug unserer Kubareise bin ich in so eine Situation geraten. Fliegen ist grundsätzlich nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber wenn ich die Welt sehen will, muss ich da durch. Zwei angefüllte, abenteuerliche Wochen lagen hinter uns, die letzten Tage hatte ich mit einer Magenverstimmung im Bett verbracht. Dementsprechend war ich abgeschlagen, hatte wenig gegessen und bekam kurz vor dem Nachtflug auch noch meine Periode. Mit dieser Ausgangslage bestiegen wir also das Flugzeug. Kurz nach dem Start bin ich tatsächlich eingeschlafen – das gelingt mir ziemlich selten. Dann aber, gegen ein Uhr nachts, setzte der Service ein. Die Leute hinter mir weckten mich. Licht an, der Gang voller Leute, die noch schnell zur Toilette wollten, bevor die Stewardessen mit ihren Wagen den Weg versperrten.  Entscheiden, was ich essen will. Rechts und links Sitznachbarn, die herumrutschten und ihren Kram verstauten um die Klapptische in Position bringen zu können. Ich war am absoluten Limit, hätte mich am liebsten auf der Toilette eingeschlossen. Das Fallbeil in meinem Kopf sauste in die Tiefe. Mit viel Mühe gelang es mir, nicht wütend aufzuspringen oder mich aufzuregen. Das Stresslevel dieses Fluges war so hoch, dass es Tage dauerte, bis ich die Eindrücke verarbeitet hatte.

Die eigenen Bedürfnisse und Grenzen (an)erkennen

Was passiert eigentlich, wenn das Fallbeil ausgelöst wird? Ich kann da nur von mir sprechen, aber ich denke, einigen Hochsensiblen wird es ähnlich gehen. Wenn meine Stimmung kippt, kann ich keine Entscheidungen mehr treffen. Manchmal werde ich überkritisch, rücksichtslos und harsch. Das passiert oft, wenn ich sehr auf die Bedürfnisse anderer geachtet habe und zu wenig auf mich.
Mancher bekommt einen Blackout, kann plötzlich keine Leistung mehr abrufen. Andere brechen wie aus dem Nichts in Tränen aus, ohne dass sie es wollen. Die Kreativität ist völlig blockiert.
Der Übergang in solchen Situationen ist nicht fließend sondern plötzlich. Es sind „Ausfälle“, die eintreten wenn die absolute Erschöpfungsphase erreicht ist. Leider kann es passieren, dass einem Hochsensiblen der Punkt, an dem das Limit überschritten wurde, erst bewusst wird, wenn das Fallbeil fällt. Dann ist es oft zu spät, um gegenzusteuern.
Um das Fallbeil zu kontrollieren gibt es einen wichtigen, wirkungsvollen Faktor: Sich selbst zu kennen. Wer sich selbst bewusst macht, was seine individuellen Bedürfnisse sind und wo die eigenen Grenzen liegen, kann in Stresssituationen mehr Kontrolle bewahren – vorausgesetzt, er geht verantwortungsvoll mit seinen Grenzen und Bedürfnissen um. Besonders herausgefordert sind dabei diejenigen Hochsensiblen, die sich viel um die Bedürfnisse anderer kümmern. Dabei die eigenen zu vernachlässigen geht schnell.

Äußere Faktoren im Blick behalten

Gegenzusteuern und die Reserven aufzufüllen, für sich zu sorgen bevor der kritische Punkt erreicht ist – es ist gar nicht so leicht, das Fallbeil zu kontrollieren. Manche Situationen kann ich nicht beeinflussen. Wenn in meinem Job etwas Unvorhergesehenes passiert und ich spontane Entscheidungen treffen muss, ist das Stress, den es auszuhalten gilt. Aber folgende vier äußere Faktoren kann und muss ich im Blick behalten, damit das Fallbeil nicht ausgelöst wird.

Kälte: Ich liebe zwar den Winter, bin aber eine Frostbeule. Vor allem neige ich ständig zu kalten Füßen und kühle schnell aus. Wenn ich friere, sinkt meine Konzentration und auch meine Entspannung enorm. Außentemperaturen kann ich nicht beeinflussen, meine (Arbeits-)Umgebung und meine Kleidung allerdings schon.

Lärm: Nicht nur Lärm, auch eine stetige Geräuschkulisse lassen meinen Stresspegel ansteigen. Texte schreiben und Musik hören – das geht nicht. Auch der Fernseher im Nachbarraum oder das Autoradio auf dem Parkplatz können meine Konzentration empfindlich stören. Vor allem aber strengt es mich an, lange mit vielen Menschen zusammen zu sein. Dabei ist mir wichtig, Pausen einzulegen. Ein Spaziergang ums Haus oder ein längerer Besuch auf der Toilette können da schon helfen.

Hunger: Vor allem morgens brauche ich erst etwas zu essen, bevor ich in den Tag starten kann. Unterwegs ist es immer sinnvoll zu wissen, wann und wo gegessen wird, bevor der Hunger einsetzt. Vom Magenknurren bis zur Unterzuckerung ist es nicht weit und die löst bei mir oft das Fallbeil aus. Wenn ich dann erst entscheiden muss, wo ich etwas zu essen bekomme… Keine Chance!

Schlafmangel: Der größte Fallbeilfaktor noch vor dem Hunger ist bei mir die Müdigkeit. Nach einer viel zu kurzen Nacht oder kurz vor dem Schlafengehen kann ich bei weitem nicht die Leistung abrufen, die eigentlich in mir steckt. Vor allem nicht, wenn ich verantwortlich mitten in einem Projekt stecke. Mindestens sieben Stunden Schlaf, besser acht oder neun, sind dann kein Luxus sondern ein Muss!

Kein Hochsensibler muss sich hinter den Leistungen anderer verstecken. Der ganz große Wurf kann uns genauso gelingen wie allen anderen – wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen und vor allem, wenn wir es uns wert sind, für unsere Bedürfnisse zu sorgen.

Hast du deine Bedürfnisse im Blick? Was bringt dein Fallbeil zum Fallen?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.