but first love

Be your own inspiration?!

Manchmal kommen mir zündende Ideen für Texte in den denkbar ungünstigsten Momenten: kurz vor dem Einschlafen zum Beispiel. Hin und wieder überwinde ich mich dann, schalte das Licht noch mal an und notiere mir ein, zwei Worte als Erinnerungsstütze. Das klappt leider nicht immer. Es kam schon vor, da hab ich morgens mühsam die Buchstaben entziffert und konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, was ich damit sagen wollte. Noch öfter passiert es, dass mir blitzartig einfällt: Man, letztens hattest du doch so eine gute Idee! Nur welche?
Beim Blättern durch meinen Block fiel mir eine Textüberschrift ohne weitere Notizen auf: be your own inspiration. Hatte ich irgendwo gelesen. Wollte ich irgendwann drauf Bezug nehmen. Aber was war gleich noch mal damit gemeint? Also hab ich es in eine Internet-Suchmaschine eingegeben und bekam eine Flut von Artikeln, Selbstversuchen, Punkteplänen und, und, und ausgespuckt. Das Internet hatte mich an die Intension hinter meiner Notiz erinnert. Das klappt übrigens sonst so gut wie nie.
Be your own inspiration – zu Deutsch: sei deine eigene Inspirationsquelle, deine Motivation, der Motor deines Tatendranges. Was auch immer. Ich machte mich also daran, einige der Artikel zu lesen. Einer riet dem Leser zum Erreichen seiner Ziele folgenden Punkteplan, den ich hier vereinfacht wiedergeben möchte:

  1. Mache dir einen Plan – falls du dir deine Ziele für die nächsten 6 Monate noch nicht aufgeschrieben hast, solltest du JETZT schleunigst damit anfangen
  2. Entferne alles Negative aus deinem Leben
  3. Bleib unablässig dran – akzeptiere kein Nein, denn mit der richtigen Motivation und zum richtigen Zeitpunkt wird aus dem Nein ein Ja

Spätestens da wusste ich wieder, warum ich über diese „Motivationsformel“ auch einen Artikel schreiben wollte – weil sie Unsinn ist. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: es ist völlig in Ordnung und oftmals auch sehr hilfreich, sich Ziele schriftlich festzuhalten. Es ist erstrebenswert, Dinge, Angewohnheiten oder Menschen, die mich negativ beeinflussen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls Abstand davon zu nehmen. Und es ist manchmal hilfreich, sich nicht von den ersten Hürden entmutigen zu lassen, sondern einen zweiten oder dritten Anlauf zu wagen. ABER es ist schlichtweg falsch und auch gefährlich, daraus eine Art Erfolgsformel zu machen, frei nach dem Motto: wenn du nur lange genug mit dem Kopf gegen die Wand läufst, gibt die Wand irgendwann nach. In vielen Artikeln wurde kein Wort über unsere Mitmenschen verloren, nichts über äußere Einflüsse (positive wie negative) gesagt, nichts zu unserer Prägung und keine (kritische) Anmerkung dazu, was für Ziele wir uns überhaupt stecken.
Die Wortbedeutung von „Inspiration“ ist „Beseelung“ – von etwas beseelt sein, eine plötzliche Eingebung haben, sich von etwas inspirieren lassen, inspiriert werden. Da steht nichts von Inspiration machen, so wie ich mir einen Kaffee mache. Das gleiche gilt für „Motivation“ – die Beweggründe, die mich zu einer Handlung anregen. Motivieren heißt, jemandes Interesse zu wecken, jemanden zu etwas anzuregen. Motivation geschieht von außen – durch die Umstände, meine Mitmenschen, was auch immer.
Motivationsformeln wie „be your own inspiration“ bergen die Gefahr eines Egozentrismus, der immer weiter um sich greift. Ich kann als Zentrum meiner eigenen Welt fungieren, alles aus mir selbst schaffen, wenn ich mich nur genug mühe. Das setzt nicht nur einen falschen Fokus, sondern suggeriert auch: du kannst ALLES schaffen – wenn du dich nur richtig anstrengst. Das Hamsterrad der Leistungsorientierung lässt grüßen.
Zum Glück sind nicht alle Artikel, die es zum Thema „Ziele erreichen“ so zu lesen gibt von diesem Schlag. Einen könnt ihr hier (in Englisch) nachlesen. Auch dieser Artikel handelt einige Punkte ab:

  1. Entschleunigen, sich seines inneren Antriebes bewusst werden
  2. Klein Anfangen
  3. Neue Perspektiven einnehmen, indem man seinen Horizont erweitert/neue Kontakte knüpft

Wir sind nicht dafür geschaffen, uns mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Welt zu boxen. Inspiration und damit Kreativität brauchen das Miteinander, brauchen offene Augen für die Welt um mich herum und gleichzeitig Konzentration auf das Wesentliche. Wir können einen Rahmen für Inspiration schaffen, aber wir können uns nicht selbst inspirieren. Und das ist auch gut so.
Neulich habe ich eine Karikatur darüber gesehen, was es braucht, um ein Ziel zu erreichen oder eine wirklich gute Idee umzusetzen: viel Konzentration und fokussiertes Arbeiten, etwas Begabung, ein wenig Glück und die Fähigkeit, für mindestens 90 Minuten auf das Internet zu verzichten.
Wie wahr, dachte ich mir. Das ist wohl der Grund, warum ich zum Schreiben gern in den Garten gehe: Bis dorthin reicht das WLAN nicht.

Was inspiriert dich? Welchen Rahmen brauchst du für deine Kreativität?

Bleib dir treu!
Deine Stefanie

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